Wechselvolle Lebenschronik
Bei Karl (bis ca. 1955 Carl) Ludwig Gustav Freiherr von Feilitzsch (1901–1981) erwachte die Liebe zur Musik bereits in jungen Jahren. Nach dem Abitur 1920 studierte er zunächst Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität (Referendar-Examen 1925), parallel dazu auch Musiktheorie bei August Reuß an der Akademie der Tonkunst und von 1927 bis 1929 Komposition bei Hermann Wolfgang von Waltershausen, einem Protagonisten der „Münchner Schule“ um den jungen Richard Strauss und Ludwig Thuille. In dieser Zeit komponierte Feilitzsch erste Opern: 1928 wurde „Die Rote Fackel“ mit Texten von Karl Kraus im Stadttheater Nürnberg mit großem Erfolg uraufgeführt. 1929 brachten die Opernhäuser in Plauen und Ulm seine vierte Oper „Konrad und Marie“ zur Aufführung.
1931 absolvierte er die Abschlussprüfung an der Akademie der Tonkunst, besuchte weiterhin bis 1935 die Meisterklasse für dramatische Komposition bei Waltershausen und war zudem Praktikant im operndramaturgischen Seminar von Hans Pfitzner.
1935 kam es zu einer Unterbrechung seines musikalischen Werdegangs durch ein Verbot seiner Vorträge an der Akademie aufgrund von „Zweifeln an seiner weltanschaulichen Zuverlässigkeit“. 1939 trat er einer in Berlin und München tätigen Widerstandsgruppe um Eugen Polzin und Franz Graf von Otting und Fünfstätten bei. Im November 1939 wurde seine 26-jährige spätere Ehefrau von den Gestapo verhaftet. Er trat daraufhin aus Kalkül in die NSDAP ein (Beantragung am 4. Dezember 1939, Aufnahme zum 1. Februar 1940). Der formale Parteieintritt verhalf immerhin, den Verdacht der Behörden von ihm abzulenken und seine Familie zu entlasten.
Im Zweiten Weltkrieg diente er von 1940 bis 1943 im Russlandfeldzug. 1943 trat er zum römisch-katholischen Glauben über – was erwähnenswert ist, da seine Familie zu den frühesten Unterstützern der lutherischen Reformation in Deutschland zählt. Nach seiner Rückkehr entstanden seine Hauptwerke „Apokalypse“ sowie die Opern „Lechbrucker Elegie“, „Metamorphosen der Liebe“, „Waldemar Dae“ und „Der Müller und sein Kind“.
Ab 1945 arbeitete Feilitzsch für das Münchner Kabarett „Die Schaubude“ mit Erich Kästner zusammen. Es entstanden die sozialkritischen Kompositionen „Die Hinterbliebenen“ und „Hurra, wir sterben“.
Im Januar 1947 erfolgte ein Schiedsspruch durch die 1. Spruchkammer München im Entnazifizierungsverfahren mit „nicht belastet“.
Zwischen 1949 und 1967 fanden 32 Aufführungen seiner Opern und Ballette statt. In der Zusammenarbeit mit Oskar Sala und dessen Mixtur-Trautonium (Vorläufer des modernen Sythesizer) experimentierte er mit elektronischer Musik. Er übernahm auch die musikalische Leitung von Inszenierungen der Werke Bertolt Brechts („Mutter Courage“), 1950 an den Kammerspielen oder in Schallplattenaufnahmen der Deutschen Grammophon (z. B. Therese Giehse singt aus Mutter Courage). Zu den Aktivitäten dieser Jahre zählten ferner Hörspiele mit Erich Kästner, Paul Alverdes und Felix-Eberhard von Cube, eine Musikversion von Nestroys „Die Träume von Schale und Kern“ (Salzburger Festspiele 1952) sowie Theatermusiken am Residenztheater und den Münchner Kammerspielen. Er untermalte zahlreiche Kurzfilme, darunter „Das Glaswerk“ (1961), ein Industriefilm für die Jenaer Glaswerke, oder „Der Münchner im Himmel“ (1962) ein Zeichentrickfilm nach Text von Adolf Gondrell mit Kompositionen für Mixtur-Trautonium. Wiederholt arbeitete er dabei mit dem Dokumentarfilmer Herbert Seggelke zusammen („Achtung, Synkope!“, 1957; „Unter die Lupe genommen“, 1961)
1954 erschien das typenpsychologische Buch „K2M oder die Hypothese von der Nebelsäule – eine Systematik der Charakterkunde“ im Münchener Recht-Verlag. Hinter dem kryptischen Titel „K2M“ und dem metaphorischen Begriff der „Nebelsäule“ verbirgt sich kein naturwissenschaftliches oder meteorologisches Phänomen, sondern ein historisches, geisteswissenschaftliches Modell zur Beschreibung des menschlichen Charakters.
Seit den frühen 1960er-Jahren engagierte sich Feilitzsch vermehrt öffentlich für den Umweltschutz. 1969 gründete er zusammen mit MdB Franz Gleissner „Die grüne Aktion“, eine der ersten deutschen Bürgerinitiativen für Umweltbelange. Damit kämpfte er erfolgreich gegen die Rodung des Hofoldinger Forst, um dort den Bau des neuen Münchner Flughafens zu verhindern. Er verfasste politische Essays und Aufsätze (zum Beispiel Umweltschädiguns-Nostalgie und die Zerstörung der Liturgie).
Ab 1970 unterrichtete er privat Komposition und Orchesterleitung. Der Dirigent Enoch zu Guttenberg war sein bedeutendster Schüler. In seinen letzten Lebensjahren fand eine enge Zusammenarbeit mit der Chorgemeinschaft Neubeuern statt.
Karl von Feilitzsch starb am 7. August 1981 in München infolge einer langjährigen Krebserkrankung.

Lebenslauf (tabellarisch)
| 2. April 1901 | Geboren in München |
| 1918–1921 | Studium der Rechtswissenschaften an der Universität München; gleichzeitig Studium der musikalischen Theorie bei August Reuss an der Akademie der Tonkunst (heute Hochschule für Musik und Theater) in München |
| 1925 | Referendar-Examen an der Universität München |
| 1927–1929 | Kompositionsschüler bei Hermann Wolfgang Frhr. v. Waltershausen (+1954), Leiter der Akademie der Tonkunst |
| 1928 | Uraufführung der Oper „Die Rote Fackel“ im Stadt Theater Nürnberg |
| 1929 | Uraufführung seiner 4. Oper„Konrad und Marie“ in den Stadttheatern Plauen und Ulm (unter seinem engen Freund Otto Schulmann, jüdischer Bankierssohn) |
| 1930–1931 | Studium und Abschlussprüfung an der Akademie der Tonkunst in München |
| 16.9.1931–6.7.1935 | Meisterklasse für dramatische Komposition bei Waltershausen |
| 1932–1935 | Praktikant am operndramaturgischen Seminar (erst unter Waltershausen) |
| nach 1933 | ... bei Hans Pfitzner |
| 1934 | Der bisherige Präsident der Akademie der Tonkunst, Siegmund v. Hausegger (kein Parteimitglied), wird ersetzt durch Richard Trunk (Parteimitglied seit 1931) |
| 1935 | Unterbrechung des musikalischen Werdegangs durch Verbot seiner Vorträge an der Akademie auf Grund von „Zweifeln an der weltanschaulichen Zuverlässigkeit“ des jungen Komponisten. Bis dato unbekannter Eintrag im Feilitzsch Personalbogen: 1935 – Mitglied im NS Studentenbund |
| 1938 | 8-tägige Gefängnisstrafe wegen Verweigerung des Hitlergrußes (s. 16.1.1947 - Schiedsspruch der I. Spruchkammer München im Entnazifizierungsprogramm, S. 2, beglaubigte Abschrift i.d. Personalakte der Hochschule für Musik, München) |
| 1. November 1939 | Eintritt in die Widerstandsgruppe um Eugen Polzin der 1942 durch Folter der Gestapo stirbt (s. Widerstand in Berlin gegen das NS Regime 1933-1945 – Ein biographisches Lexikon, 12 Bd. 2002-2006). Die kleine Gruppe wirkt in Berlin und München, zusammen mit Franz Graf v. Otting (s. Eidesstattliche Erklärung 6.9.1945,Personalakte Feilitzsch, Archiv Hochschule f. Musik, München). Es gab noch ein viertes Mitglied, entweder Fritz Molden (Verleger in München) oder Richy Raffay (aus der österr. Widerstandsbewegung „05“). Die Identität des 4. Mitglieds ist bisher unerforscht. |
| 21. November 1939 | Verhaftung der Verlobten, späteren Ehefrau Gerda Freiin v. Feilitzsch durch die Gestapo |
| 1. Februar 1940 | Eintritt in die NSDAP aus Kalkül, um die Verlobte zu schützen und weil auch Feilitzsch die Gefangennahme durch die Gestapo drohte (mündl. Aussage Balbina Gräfin v. Otting, s. private Aufzeichnung von Gesprächen am 26./27.1.2018) |
| 10. Februar 1940 | Einstellung d. Verfahrens gegen Gerda Feilitzsch, Freilassung (s. Staatsarchiv-M „Polizeidirektion München 8595“ und „Staatsanwaltschaften 5529“) |
| 18. Januar 1941 | Heirat seiner entfernten Cousine Gerda Freiin von Feilitzsch |
| 14.10.1940 – 26.3.1943 | Russlandfeldzug |
| 1943 | Übertritt zum römisch-katholischen Glauben, weil er die Haltung der kath. Kirche als aufrechter und unabhängiger empfand (erwähnenswert, weil er Mitglied einer der ersten sieben reformierten Familien in Deutschland war) |
| Nach der Rückkehr aus Russland | Entstehung der Hauptwerke "Apokalypse" – Jazz-Kantate nach Texten aus der den Offenbarungen des Johannes-Evangeliums sowie der Opern "Lechbrucker Elegie", "Metamorphosen der Liebe", "Waldemar Dae", "Der Müller und sein Kind" |
| Ab 1945 | Mitarbeit ab dem Gründungsjahr an dem politisch-satirischen Münchner Nachkriegskabarett „Die Schaubude“, u.a. mit Erich Kästner: „Die Hinterbliebenen“ und „Hurra wir sterben“ (s. SZ vom 16.9.1948 "Schaubude im neuen Glanz") |
| 16. Januar 1947 | Schiedsspruch der I. Spruchkammer München im Entnazifizierungsprogramm: „ ... die Kammer erkennt deshalb auf nicht belastet“. Befreiung von allen Verfahrenskosten (s. beglaubigte Abschrift in der Personalakte der Hochschule für Musik, München) |
| September 1949 | Radioübertragung der "Apokalypse" im Bayerischen Rundfunk (s. Münchner Merkur vom 9.9.1949, Radiowelt vom 25.9.49). |
| 22. Oktober 1951 | Uraufführung und fünf weitere Aufführungen der Bühnenfassung der Apokalypse als erste Vorstellung in der sog. Uraufführungsbühne im Brunnenhof der zerbombten Residenz München. (Mitteilungsblatt der Münchner Uraufführungsbühne e.V. Nr. 1/1951 vom 12.11.1951, sowie zahlreiche Kritiken) |
| 1949–1967 | 32 Aufführungen seiner Opern und Ballette. Vertonungen politischer Lieder von Brecht („Die Judenhure Marie Sanders“) und Kästner („Wiegenlied männlicherseits“) |
| 1950 | Bert Brecht und H. Schweikart übergeben nach dem Tod von Kurt Weill Karl Feilitzsch die Musikalische Leitung der Brechtinszenierung von „Mutter Courage“ in den Kammerspielen (s. SZ vom 3.2.1998, Zum 100. Geburtstag von Bert Brecht: Erinnerungen an B.B. in München; Deutsche Grammophon Gesellschaft Polydor GmbH, Best Nr. 34064 "Therese Giehse singt aus Mutter Courage" musikal. Leitung Karl von Feilitzsch). Zusammenarbeit mit dem Burgtheater Wien (Viktoria) mit Tournee in Deutschland und Schweiz; Hörspiele mit Erich Kästner, Alverdes und Cube. |
| 1954 | Aufführung von Nestroy’s „Die Träume von Schale und Kern“ bei den Salzburger Festspielen (s. Salzburger Festspiele 1952 "Die Träume von Schale und Kern" Johann Nestroy, Musik Karl von Feilitzsch, Almanach-Salzburger Festspiele 1952) |
| 1952 | Entstehung des Filmversion „apocalypse“ (3. Preis bei der Film Biennale in Venedig, 1958) |
| 1954 | Das Typenpsychologische Buch "K2M oder die Hypothese von der Nebelsäule", eine Systematik der Charakterkunde, erscheint im Recht Verlag München. |
| Zahlreiche Theatermusiken am Residenztheater und den Kammerspielen München mit Axel v. Ambesser; Kultur und Kurzfilme u.a. mit Paul Alverdes und Felix Eberhard von Cube. | |
| 1961 | "Das Glaswerk", sog. Industriefilm für die Jena Glaswerke der Schott AG, Mainz; Regie: Hans Christian Schott, Kamera: Florian Campoiche, Ton: Walter Kiaulen (s. Deutsche Zeitung mit Wirtschaftszeitung,“ Mensch Glas und Maschine- Neue Industriefilme in Frankfurt“, Stuttgart, 22.6.1961) |
| 1962 | "Der Münchner im Himmel“, Zeichentrickfilm von Traudl u. Walter Reiner; Texte: Adolf Gondrell; Musik: Karl v. Feilitzsch |
| Mai 1964 | Schwabinger Kunstpreis (s. 16-/18.5.1964 – "Die fünf sehr geehrten Schwabinger", Münchner Merkur, S. 10; SZ vom 16.5.64 "Schwabinger Kunstpreise 1964"; Zur Verleihung des Schwabinger Kunstpreises: SZ, 11.9.64 "Die Träger des Schwabinger Kunstpreises 1964"; SZ vom 14.9.64 "Die Kunstpreistäger im Künstlerhaus") Anlässlich der Verleihung wurde ein Teil des Ballettes „Die Toten von Mellrichstadt“ aufgeführt. |
| 1964 | Beteiligung an der Gründung der ersten Bürgerinitiativen für Umweltschutz "Die Grüne Aktion" mit MdB Dr. Gleißner (CSU). Feilitzsch schreibt politische Essays und Aphorismen (Manuskript eines zeitkritischen, politik-philosophischen Buches „Umweltschädigung-Nostalgie und die Zerstörung der Liturgie“). |
| 9. November 1979 | WDR Politmagazin Monitor: Als Folge seines politischen Aktivismus gegen Luftverschmutzung und Bildung von Ballungszentren wird Feilitzsch in der TV-Sendung als rechtsradikal eingestuft. Weitere öffentliche Aufträge unterbleiben fortan bis zu seinem Tod. |
| Ab 1970 | Feilitzsch unterrichtet privat Kompositionslehre und Orchesterleitung; Enoch zu Guttenberg wird sein bedeutendster Schüler. In den letzten Lebensjahren findet eine enge Zusammenarbeit mit der Chorgemeinschaft Neubeuern statt. |
| 7. August 1981 | Karl Frhr. von Feilitzsch stirbt nach langem Krebsleiden (s. Nachruf, Süddeutsche Zeitung "Komponist und Kämpfer", München; 11.8.1981; Nachruf, Münchner Merkur, Karl Uhde: "Zum Tode Karl von Feilitzsch"; Münchner Stadtanzeiger Nr. 61 vom 13.8.1981). |
Dokumente Karl Feilitzsch
Zeugnisse, Entnazifizierungsurteil, Gestapo-Akten, eidesstattliche Erklärung von Franz Graf von Otting
Dokumente Gerda Feilitzsch
Gestapo-Akte